Presse "Werther"
Ostsee-Anzeiger, Stralsund vom 11.02.2004
Dieser "Werther" zerstört nicht nur sich
Jules
Massenets bewegende Oper zum ersten Mal am Theater Vorpommern
Stralsund - Seit ihrer Uraufführung sind mehr als hundert Jahre vergangen,
aber noch niehat das Publikum in Stralsund diese Oper sehen können.
Während der Proben zur Premiere am 21. Februar hatten wir Gelegenheit zu
einem Gespräch mit Regisseur Arnold Schrem und den Sängern Raymond
Sepe und John Heuzenroeder (Tenor, alternierender Werther), Kerstin Descher
(Mezzosopran, Charlotte) und Daniel Fiolka (Bariton, Albert).
Der Selbstmord eines abgewiesenen Liebhabers erregte die Gemüter schon
nach Goethes 1774 erschienenem Briefroman "Die Leiden des jungen Werther".
Das Genre der oper und der Zeitgeist Ende des 19. Jahrhunderts veranlassten
Jules Massenet und seine Librettisten zu einer Verdichtung und weiteren Dramatisierung
des Stoffes, der in einer von starken Gefühlen getragenen Musik seine Entsprechung
findet. Konsequent verlegt die Inszenierung deshalb die Handlung der Oper in
die Zeit ihrer Entstehung.
Viele Sichten auf
Werther
Als ich die Sänger
nach ihrer Haltung zu Werther fragte, kommt daher prompt die Gegenfrage: Zu
welchem? Zu Goethe als unverkennbarem Vorbild, zum Werther des Romans oder zu
dem Geschöpf des Komponisten? Es zeigt sich, wie schwer es selbst den Darstellern
fällt, sich der Operngestalt wegen von der Romanfigur und dem Dichter zu
lösen.
Raymond Sepe, US-Amerikaner mit italienischen Vorfahren, skizziert zunächst
die Unterschiede der Oper zur Romanvorlage: "Bei Goehte hat Werther viel
mehr Kontakt zu Charlottes Familie, bei Massenet nur über drei, vier Szenen,
je einem Tag in einer anderen Jahreszeit. Die Zeit und die Ereignisse dazwischen
müssen wir quasi mitspielen."
"Ich sehe Werther als Einzelgänger, dazu hypersensibel", sagt
John Heuzenroeder, "ebenso seinen Hang zur dunklen Seite des Lebens. Ja,
auch egozentrisch. Was er sucht ist nicht Liebe, sondern ein falsches Ideal
von Liebe." Raymond Sepe erinnert an die Worte des Regisseurs: "Werther
will haben, was er nicht haben kann."
Kerstin Descher, glücklich über eine solche Rolle für Mezzosopran,
dem Komponisten meist Hosenrollen oder Zigeunerinnen wie die Carmen zuordnen,
wird noch deutlicher: "Der Werther der Oper verehrt, vergöttert Charlotte,
aber er gibt ihr keine Perspektive an seiner Seite. Goethes Charlotte weist
Werthers Ansinnen deutlicher ab, bei Massenet ist sie in ihren Gefühlen
leichter zu verunsichern. Werther hat, was Albert fehlt. Werthers Worte faszinieren
sie und er bedrängt sie unablässig, aber ohne Perspektive. Charlotte
ist an der Seele gesund, ganz im Gegensatz zu Werther. So dauert es bis zum
vierten Akt, bis auch sie ihm ihre Liebe gesteht."
"Der Roman wird oft falsch verstanden", meint John Heuzenroeder. "Werther
müsste nicht sterben, wie ja auch Goethe nicht gestorben ist. Mitleid verspüre
ich trotzdem."
Arnold Schrem ist als Regisseur in keiner Rolle befangen, sieht das Ganze und
urteilt in vielem rigoroser: "Werthers Tod", sagt er, "ist die
Konsequenz der Dramatik. Die Geschichte ist bei Goethe in wesentlichen Punkten
anders. Sie geht dort für Charlotte gut aus, weil sie bei Albert und in
der Familie geborgen und so weniger gefährdet ist. Goethes Werther steht
da außerhalb, verletzt niemanden und wird nicht schuldig. Bei Massenet
bohrt er sich ins Zentrum der Familie, versucht Charlotte auf seine Seite zu
bringen. Egomanisch in seiner Haltung zum Leben und maßlos in seinem Begehren
nach Charlotte. Tragisch, dass diese Maßlosigkeit gepaart ist mit seiner
Unfähigkeit zum Leben. Er sucht nicht das alltägliche Leben an der
Seite Charlottes und ihrer Geschwister, sondern verfolgt mit ihr einen anderen,
dunklen Plan.
Mit Charlotte sterben
Seine wirkliche
Sehnsucht ist die nach dem Tod! So reißt er Charlotte aus ihrer Geborgenheit
nicht um mit ihr zu leben, sonder folgerichtig um mit ihr zu sterben. Bei Geothe
Opfer, wird er in der Oper zum Täter, der die Geliebte ruft, aber ihr nichts
zu geben vermag. Nun bringen wir zu Goethe und Massenet nach nochmals 100 Jahren
auch uns und unsere Welt in die Inszenierung mit ein. Jede Generation begehrt
ja auf, und so erscheint auch die Figur des Albert heute viel polarisierter."
Daniel Fiolka wird noch deutlicher: "Die Szenen folgen kurz aufeinander.
Nur einmal treffe ich mit Werther zusammen, sonst komme ich immer erst später
hinzu. Albert ist viel fort, nicht zufällig erscheint er ständig im
Mantel. Aber er ahnt die Geschehnisse während seiner Abwesenheit! Spätestens
nach dem Gespräch mit Charlottes Schwester Sophie, die Massenet für
diese Bestimmung in die Oper einfügte, ist die Situation für Albert
geklärt. Als Werther um die Pistolen bittet, gibt er sie ihm nicht selbst,
sondern lässt sie von Charlotte übergeben. Das tut er wohl nicht ohne
Vorsatz."
Auf Werther nicht
vorbereitet
"Charlotte ist ein ausgeglichener Mensch von großer innerer Ruhe",
sagt Kerstin Descher. "Ihre Mutterrolle bei den sechs Geschwistern trägt
sie gern und ist ein außerordentlich lebensfähiger Mensch voller
Wärme und Verantwortung. Sie ist überhaupt nicht vorbereitet auf Werthers
Ansturm, weiß sie nicht, dass er nicht gut für sie ist. Am Schluss
ist Charlotte aus allen ihren Verhältnissen gerissen und vollkommen allein.
Werther ist tot, zu Albert gibt es kein Zurück. Das ist doppelt tragisch,
und niemand vermag zu sagen, was sie tun wird."
So schreitet diese Oper vom heiteren, sorglosen Leben Charlottes mit Werthers
Erscheinen unaufhaltsam zu ihrem tragischen Ende hin fort, zeitlich auch vom
Bühnenbild eingebettet in die Jahreszeiten vom lebenssprühenden Sommer
bis in die Kälte des Winters. Von Jules Massenets Musik sind nicht nur
die Sänger begeistert, auch das Orchester spielt sie, wie man mir versichert,
mit wahrer Leidenschaft. Die Oper "Werther" also endlich in Stralsund,
wir freuen uns darauf.
Ostsee-Zeitung,
Stralsund/Graifswald 23.02.2004
Überzeugende Oper der großen Gefühle
Massenets "Werther" in Vorpommern
von Ekkehard Ochs
Stralsund
(OZ) Jules Massenets lyrisches Drama "Werther" - 1892 in Wien uraufgeführt
- gehört seit der Münchner Wiederentdeckung 1977 zu den erfolgreichsten
französischen Opern im deutschsprachigem Raum und liegt damit noch vor
der "Carmen"! Aber wer ist Massenet (1842 - 1912), und was ist mit
"Werther"? Der Komponist ist nicht mal in allen Opernführern
verzeichnet, und auch Operngeschichten verraten nur Weniges, Konträres
und teils Vernichtendes. Aber vorgestern ging der "Werther" in Stralsund
über die Bühne, und es darf von Erfolg gesprochen werden.
Gewiss,
Goethes Vorlage (1774), Massenets Vertonung (1886) und heutiges Empfinden sind
gleich drei Seiten einer Medaille. Aber es gibt keinen triftigen Grund, sich
allein deshalb dem Stück zu verweigern. Arnold Schrems schlüssige
Inszenierung verdeutlicht nämlich recht eindrcuksvoll, dass Massenet durchaus
zu den Großen seiner Zeit gehört und der "Werther" das
glatte Gegenteil von Dutzendware ist. Die exemplarische Geschichte einer tragischen
Liebesbeziehung lebt von sprachnah und dennoch melodisch komponierter Musik.
Sie ist sehr zart, lyrisch, gefühlvoll und sinnlich; sie beherrscht den
Ton lebendiger Konversation und hat gewaltige Stärken im Dramatischen.
Charlotte und Werther sind nicht mehr ganz die eines Goethe, sicher aber Exponenten
jener "Belle Epoque", der die französische Opernkunst so viele
herausragende Beispiele verdankt.
Als solche prägten sie in Stralsund eine Aufführung, die auch als
längst fällige Repertoireerweiterung zu begrüßen. Schrem
inszeniert auf karger, aber atmosphärisch treffender Bühne (Joachim
Griep) so glaubwürdig wie unspektakulär, ohne selbstmörderische
Peinlichkeiten, aber mit viel Raum für die sich von Akt zu Akt verdichtenden
großen Gefühle. Ihnen leihen Raymond Sepe (Werther, alternierend
mit John Heuzenroeder) und Kerstin Descher (Charlotte) Gestalt und Stimme; ersterer
als überaus leidenschaftlich agierender Tenor, letztere mit großer,
dramatischer Mezzostimme. Weiter im Ensemble: Daniel Fiolka (Albert), Per Bach
Nissen (Amtmann), Jahonnes Strasser, Ivaylo Guberov und Bini Lee als Freundespaar
und Sophie. Am Pult des Philharmonischen Orchesters Vorpommern sorgte Generalmusikdirektor
Prof. Mathias Husmann für die überzeugende Wiedergabe einer sehr interessanten
und recht anspruchsvollen Partitur.
Ostseeanzeiger
- Stralsund 25.02.2004
Liebe bis in den Tod
Umjubelte Premiere der Oper "Werther" am Theater Vorpommern
Stralsund
- Da mochten Sänger und Regisseur den Werther Jules Massenets noch so kritisch
und Charlotte asl Opfer sehen: Dem Komponisten war Werther der tragische Held
und Charlotte die unglücklich Liebende, und so schrieb er ihnen Arien und
Duette voller Leidenschaft und lässt sie bis heute den Rest des Ensembles
an die Wand singen.
Große Stimmen, überwältigender Orchesterklang, eine hier noch
nie aufgeführte bewegende und zugleich verstörende Oper, die das Publikum
am Sonnabend zu recht mit frenetischem Beifall bedachte. Die Inszenierung Arnold
Schrems macht den Unterschied der Oper zu Goethes Vorlage noch deutlicher als
seine Worte im vorangehenden Gespräch. Bei goethe tritt ein lebenslustiger
Werther in Lottes Leben, wird zum Liebling ihrer kindlichen Geschwister und
rührt ihr Herz als guter Mensch. Bei Massenet und Schrem taucht Werther
wie ein Todesengel am Rande des Geschehens auf und zieht Charlotte hinaus in
ein schönes Nichts. Das ist mehr als die Zuspitzung der Fabel, es ist ein
anderer Stoff.
Für die Mezzosopranistin Lerstin Descher als Charlotte endlich eine Partie,
die ihre herrliche Stimme voll zur Geltung bringt. Der Tenor Raymond Sepe, der
den Werther alternierend mit John Heuzenroeder singt, dürfte Massenets
Intentionen von der Figur vollkommen entsprechen: Kraft und Schmelz in einem,
eine wahrhaft ideale Besetzung! Daniel Fiolkas Albert kommt dagegen als Bariton
schon beim Komponisten recht stiefmütterlich weg, darf er doch nur den
anständigen, aber leider nicht vollkommenen Ehemann geben. Bini Lee hingegen
darf liebenswert sein und ihren schönen Sopran als Lottest Schwester und
verständnisvolle Kindfrau einzusetzten. Mit der Einfügung dieser Figur
erst verschaffte sich Jules Massenet freie Hand, um seine Charlotte ins Unglück
laufen zu lassen. Wenn Sophie im ersten Akt die Kinder behüten kann, während
Lotte mit Werther zum Tanz geht, dann wissen wir die Geschwister auch in guten
Händen, wenn Charlotte am Ende mit gebrochenem Herzen Werther in sein Schattenreich
folgen sollte. Oper und Regie lassen das offen,, und mehr wäre auch kaum
zu ertragen in diesem "lyrischen Drama", wie Massenet sein Werk nannte.
Per Bach als Amtmann wie auch Johannes Strasser und Ivaylo Guberov als seine
lebenslustigen Freunde treten mit wenigen Ausnahmen hinter den anderen Figuren
zurück und dienten den Liberettisten wohl mehr dazu, die dürftige
Handlung anzureichern. Selbst die jüngeren Geschwister, allerliebst von
Mitgliedern des Kinderchores des Theaters Vorpommern gespielt, ließen
sich da wirkungsvoller in Szene setzen.
Das Philharmonische Orchester unter GMD Prof. Mathias Husmann kostet die Partitur
in vollen Zügen aus. Husmann kommt die zwischen lyrischen und dramatischen
Höhepunkten schwelgende Musik Massenets ganz offensichtlich entgegen, und
selbst ungewohnte Besetzungen wie Saxiphon fügen sich in dieses voluminöse
Klanggebilde ein.
Bühnenbild und Kostüme Joachim Grieps bringen die Inszenierung ganz
nah in unsere Zeit. Grüne und herbstliche Blätter am Boden, hier ein
Podest, dort eine Tür, eine Bank, ein schmales Bücherregal. Der Schnee
im Schlussbild legt sich dem Zuschauer wie Balsam auf die aufgewühlte Seele.
Werther durchgängig in Schwarz, in seinem Rock im Herbstlaub wühlend.
Lotte unwiderstehlich schön im weißen Kleid und denn zum Ersticken
eingezwängt in ein eheliches Kostüm. Der bedauernswerte Albert in
unscheinbarem Grau mit einem kaum erträglichen abgenutzten Lederkoffer.
Ließ Arnold Schrem diesen Werther im ersten Akt wie ein Wesen aus einer
anderen Welt gleichsam durch die Szene schweben, so entschwindet dieser unglückselige
Mensch am Schluss und lässt Charlotte einsam zurück. Wie es scheint,
mag der Regisseur die vorgegebenen Abschiede nicht, bei denen die Komponisten
die Toten in die Arme der Überlebenden betten. Auch Carmen lag am Scluss
allein inmitten der Bühne, während José hilflos am Rand umher
irrte. Ist das die Furcht vor zuviel Sentimentalität, oder ist es die bittere
Botschaft, dass der Mensch allein zu sterben hat?
Die Oper und diese Inszenierung stimmen nachdenklich. Auch heute fahren Ehemänner
auf Montage und Gattinnen zur Kur. Zum Glück denken die meisten Frauen
praktisch, und so geht es im wahren Leben fast immer ohne Tragödien ab.
Viel Stoff aber wohl doch für lange Gespräche nach "Werther".
K.